Nicht die letzte Sendung

Ich bin sicher, dass ich zur letzten Generation von Fernsehleuten, Reportern und Moderatoren gehöre, die bundesweit bekannt sind.

 Rakers, Judith (2011): Die letzte Sendung.
Online : www.welt.de [6.10.11]

Das Fernsehen stirbt, so Judith Rakers in ihrem Beitrag für welt.de. Denn immer mehr Menschen nutzen das Internet und Informationen on demand führen zu einem Leben in einer Informationsblase, in der das Rauschen uninteressanter Informationen nicht existiert. Deswegen werden Identitäten neu ausgehandelt, die eigene, die lokale, regionale und nationale. In der Folge wird die Gesellschaft gespalten. Alles im und wegen des Internets.

Dabei ist das Internet, wie es vielerorts klingt, keine zweite Realität oder irgendein andersartiger Raum. Das soziale Netzwerk ist dabei genauso real wie der Coffee Shop um die Ecke! An beiden Orten wird der Mensch gleichermaßen sozialisiert – er ist und bleibt lokal und regional verbunden. Klar, hinzu kommen transnationale und transkulturelle Prägungen, aber die existierten auch schon vor der Erfindung des Internets. Die Informationsblase wiederum kann man sich schaffen, oder auch nicht. Es muss nicht immer Google sein! Doch selbst wenn, dann werden Fehler immer wieder auftreten, denn die Software kann nur in dem Maße besser werden, in dem der Mensch sie nutzt. Perfekt wird sie (hoffentlich) nie sein. Man darf auch die sozialen Netzwerke, die Empfehlungen von Freunden nicht vergessen, die für „Störungen“ im Informationsfluss sorgen. Die zitierten Nutzungszahlen beziehen sich, soweit ich sie verstehe, obendrein nur auf die reine Internetnutzung. Neben der reinen Verbreitung der Internetnutzung müssten weitere Faktoren berücksichtigt werden: Die Nutzungszeit von Internet und Fernsehen, parallele Nutzung und es fehlt eine (anwendungsorientierte) Definition von Internet und Fernsehen.

Was ist Fernsehen für Frau Rakers? Ich denke sie spricht vom broadcasting TV, der Ausstrahlung eines linearen Programms im 24/7 Sendebetrieb, die 1 to many Kommunikation – dafür spricht der von ihr angebrachte Vergleich mit der Zeitung, in der immer wieder unwichtige Informationen mitgelesen werden – und dem Fernsehen als Informationsquelle. Fernsehen ist aber mehr als nur die Ausstrahlung eines linearen Programms, ist mehr als nur Information. Fernsehen ist vor allem ein kulturelles Produkt, ist auch Couch Potato Culture [1].

Wir sollten nicht in Untergangsfantasien schwelgen, sondern lieber etwas tun, um aus den alten Medien neue Medien zu gestalten.

Haas, Sabine (2011): Das Ende des Fernsehens?
Online: www.result-blog.de [6.10.11]

Fernsehen ist nicht nur Information. Es ist vor allem ein Medium der Freizeit, der Entspannung und Passivität – der Computer wiederum ist für die Arbeit gedacht [1]. Im www sind Informationen in sekundenschnelle abrufbar, und sie verbreiten sich mindestens ebenso schnell: read, write, share, like, usw. Ist das Fernsehen zu langsam? Kann es gegen die Empfehlungen nicht ankommen?

Das Produkt Fernsehen befindet sich im Wandel: Connected oder Smart TVs sind auf dem Vormarsch, neue Distributionskanäle werden erschlossen, Multi Screen Strategien für neue Endgeräte entwickelt, mobil und sozial sind nur zwei Schlagworte für das Fernsehen der Zukunft. Längst wird während des Tatorts getwittert, Videoclips der letzten Staffel DSDS über die sozialen Netzwerke ausgetauscht, geliked und diskutiert. Es werden bereits neue Wege gegangen, z.B. indem offizielle Hashtags für Tweets bekannt gemacht werden. Wie erfolgreich dies sein kann, zeigten auch die MTV VMA’s dieses Jahres (vgl. mashable.com zur parallelen Nutzung von Twitter). Selbst die ARD/ZDF-Onlinestudie weist für dieses Jahr ganze 21% der Internetnutzer als Fernsehzuschauer aus, die live über das Internet Fernsehen. VoD Services werden von 29% genutzt (vgl. ard-zdf-onlinestudie.de: Pressemitteilung 2011). Soll heißen: Live TV wird auch über das Netz konsumiert! Und das trotz Netzfilmen und webvideos!

Das broadcasting TV erfreut sich also nach wie vor einer gewissen Beliebtheit, daran ändert auch das Internet nichts. Es ist also noch weit entfernt von einem Ende. Es erfindet sich neu, passt sich an; gestorben wird später. Die Verbreitung von Informationen stellt scheinbar tatsächlich eine Herausforderung dar. Wer will sich am Abend die Nachrichten ansehen, über die er tagsüber bereits alles erfahren hat? Hier könnten Second Screen Lösungen greifen, die die Nachrichtensendung um weitere Dimensionen bereichern: Direkter Zugang zu Archiven mit Hintergrundinfos, Videos, Fotos, Chat, Tweet-Feed, etc. Live und automatisierte Übertragung auf den second screen vorausgesetzt.

Gehört Frau Rakers nun trotzdem zu der letzten Generation bundesweit bekannter Persönlichkeiten aus dem live TV? Ich denke die Antwort ist nein. Die Kultur der Couch Potatos wird genauso Bestand haben, wie die Kultur des broadcasting TV, der TV Spektakel und Nachrichtensendungen, der Film und natürlich der TV Stars.

[1] Gentikow, Barbara (2010): Television use in new media environments. In: Gripsrud, Jostein (ed.): Relocating Television. Television in the Digital Context. New York: Routledge. pp. 141-155.

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